Pretzscher Zeit

(*alle Texte sind Auszüge aus Herrn E. Dubrau "Friedrich Wieck"- Heft) Leipzig Ostern 1798 Der schwächliche dreizehnjährige Johann Gottlob Friedrich Wieck steht vor den Toren der Leipziger Thomasschule, an der der große Johann Sebastian Bach Kantor gewesen war. Er hat Angst. Das Gesicht tut ihm weh. Er möchte nichts lieber als Musiker werden, Komponist wie Ludwig van Beethoven in Wien oder wenigstens Klaviermeister wie der bekannte Hofmechanikus Milchmeyer in Torgau. Jahrelang hat er seinem Vater, dem Kaufmann aus dem sächsischen Pretzsch keine Ruhe gelassen, bis er entlich nachgegeben und ihn zu den Thomanern geschickt hat. Für Klavierstunden war bis jetzt kein Geld da. Die wenigen Stückchen, die er auswendig kann, hat er sich selbst beigebracht. Und er hat noch nie ein öffentliches Konzert besucht. Woher will er überhaupt wissen, ob er begabt genug ist, um im berühmtesten Knabenchor Deutschlands mitzusingen? Sechs Wochen später steht er wieder da, noch blasser und noch dünner als vorher. Im Thomanerchor hat er nicht mitsingen können, da er gleich heiser geworden ist. Jetzt wartet er darauf, dass der Vater ihn mit der Postkutsche wieder nach Hause holt. Traurig schaut er aus der Kutsche, die ihn mit dem Vater nach Pretzsch bringt. Auf der Fahrt rasten die ebenen Landschaften wie im Flug am Postkutschenfenster vorbei. Die letzten Kilometer kennt er. Kurz vor Pretzsch sieht er noch Reste vom Körbiner Manufakturgebäude, wo die Glashütte stand. Aus dem dazugehörigen Trunkhaus wird Bier, das bedeutende Breyn und Brandwein ausgeschenkt. Als die Königin noch lebte, fuhren die Postkutschen öfters von Pretzsch nach Leipzig. Damals war die Stadt Pretzsch so bekannt wie Leipzig, Torgau, Dresden oder gar Warschau. Als Christiane Eberhardine starb, wurde es im Städtchen ruhiger. (Christiane Eberhardine von Brandenburg – Bayreuth, Kurfürstin von Sachsen, Königin in Polen erhielt von ihrem Gatten Friedrich August II. „August des Starken“ anlässlich der Geburt des Sohnes Schloss Pretzsch und das Amt Pretzsch als Leibgedinge auf Lebenszeit geschenkt.) Die Postkutsche rumpelt über den alten lang gestreckten Markt bis vor das stattliche Haus. Die Poststation am Schloss, wo die Pferde gewechselt werden, ist nicht mehr weit. Die Fahrt von Leipzig nach Pretzsch dauerte über 9 Stunden.
Der junge Fritze

Pretzsch, sechs Wochen später Nun steht er vor dem großen Haus. Der Anstrich Graubeige glänzt in der Sonne." Die Mutter mit meinem ältesten Bruder Carl Wilhelm empfingen uns. Ich sah, wie sie enttäuscht war. Vater und ich, wir hatten Hunger. Der Tisch in der großen Küche mit eingemauerten Herd und großen Rauchabzug, die sich im Erdgeschoss neben den Geschäftsräumen befand, war reich gedeckt. Die erste Etage war großzügig gestaltet. Im Familienwohnzimmer stand ein großer Kachelofen, Die „Gute Stube“ durfte nur zu Feierlichkeiten betreten werden. Das Wohnzimmer, in der in den Nachmittagstunden die Sonne hinein schien, war bürgerlich eingerichtet. Ein eichenes Buffet, ein großes Sofa und ein besonderer barocker Stuhl, wo sich nur der Vater darauf setzen konnte, zierten diesen Raum. Die Mutter hatte schon mit dem Pretzscher Lehrer Christian Gottfried Dobritzsch gesprochen. Morgen muß ich wieder in die Schule." Die Stadtschule, ist ganz in der Nähe. (Erst 1832 wird neben der Kirche die neue Stadtschule gebaut. Die Lehrer im damaligen Pretzsch waren arm. Bittgesuche, um Erhöhung ihrer Einkünfte, wurden von der sächsischen Regierung abgelehnt. So hatten die Lehrer noch eine Gabel-Land, eine Ziege und ein paar Hühner. Erst ab 1805 mussten die Eltern der Schulkinder bezahlen. )In Pretzsch bekamen die Lehrer, anders als im übrigen Sachsen ein festes Gehalt. Das wurde durch die Stiftung der Christiane Eberhardine im Jahr 1721 ermöglicht. Sie hinterlegt 3333 Taler auf eine Leipziger Bank, deren Zinsen für alle Zeiten den Lehrern und Predigern zufliessen lassen sollten. Arme Kinder brauchten nur die Hälfte zu bezahlen, den anderen Teil musste die Armenkasse übernehmen. Der junge Wieck kann während der Schulzeit sein Elternhaus selten verlassen. Jeder Luftzug lässt sein Gesicht vor Schmerzen zusammenzucken. Seine Mutter, eine gewissenhafte Geschäftsfrau , ist enttäuscht von ihm. Das ist wirklich kein Sohn, mit dem man renommieren kann, sagte sie öfters. Sein Vater Carl Friedrich Gotthelf Wieck war ein Kauf- und Handelsmann. Er eröffnete in der kleinen Stadt am Pretzscher Markt ein Geschäft. Seine Mutter Christiana Dorothea half ihm im Geschäft mit Kolonialwaren. Es waren Produkte, die die Pretzscher Bürger im täglichen Leben benötigten. Im Geschäft befanden sich hölzerne Regale und einen Tresen mit zahlreichen Schubkästen, wo die lose Ware wie Zucker, Salz und Mehl untergebracht waren. Aber die wirtschaftlichen Verhältnisse waren nicht die Besten, denn sie hatten insgesamt 8 Kinder zu versorgen.